9.November 1938 – 9.November 2009, 71. Jahrestag der Reichspogromnacht

9.November, 17:00 Uhr

Gedenkkundgebung mit dem Zeitzeugen Peter Neuhof (*1925) und Musik | Mahnmal an der ehemaligen Synagoge in der Levetzowstraße in Moabit | (Bus 101, 106, 245, U9 Hansaplatz oder Turmstraße, S-Bhf Tiergarten)

[via]

Gefeiert wird nicht! Wider dem nationalistischen Taumel!

Am 9.November 1938 brannten in Deutschland und Österreich die Synagogen, jüdische Geschäfte und Wohnungen wurden überfallen, demoliert und geplündert. Jüdinnen und Juden wurden von antisemitischen Deutschen gedemütigt und geschlagen, vergewaltigt und ermordet. Etwa 30.000 Männer wurden verhaftet und in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt. Die Gewalt der Pogromnacht bildete den Auftakt zu Deportation und Vernichtung, zum Massenmord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Der 9. November 2009 ist der 71. Jahrestag der Pogromnacht 1938. Er fä llt mit dem 20.

Jahrestag des Mauerfalls und den anstehenden offiziellen Feierlichkeiten zusammen: Am 9.11.2009 findet auch das “Fest der Freiheit” am Brandenburger Tor statt – „Höhepunkt“ der Feier ist eine monströse Inszenierung die den Mauerfall symbolisch nachvollzieht. Mauersteine sollen auf einer Länge von zwei Kilometern wie Dominosteine nacheinander umfallen. Auch mit dieser Inszenierung macht die Bundesrepublik deutlich, was sie für eine Schwerpunktsetzung in der offiziellen Geschichtsschreibung und Erinnerung vornimmt.
Der Tag der Befreiung für die überlebenden Opfer des Nationalsozialismus war bereits der 8.Mai 1945. Sie wurden von den Armeen der Antihitler-Koalition und den PartisanInnen in den überfallenen Ländern Europas aus den Gefängnissen, Konzentrationslagern, aus ihren Verstecken befreit. Aber nicht um sie soll es sich am 9.November 2009 drehen, sondern um die „Freiheit“ ohne die BefreierInnen und die Befreiten. Durch die Behauptung, der Mauerfall 1989 stehe für die Überwindung „zweier Diktaturen auf deutschen Boden“ wird der Nationalsozialismus und seine Verbrechen relativiert und als eine bedauerliche, aber überwundene Episode, die dem des mittlerweile 60- jährigen „Erfolgsmodells BRD“ voranging, verharmlost.
Paul Spiegel, der ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland warnte schon in seiner Rede zum 9.November 2000: “(…) Aus diesem Grund ist dieses Datum für alle Deutschen auch ein Tag der Freude. Es darf aber niemals das Gedenken an den 9.November 1938 – an den staatlich organisierten Pogrom – verdrängen und schon gar nicht zu einem ‚Feiertag 9.November’ führen. Denn Volksfeststimmung mit Würstchenbuden und Bierzelten, die der Freude über die Niederreißung der Mauer angemessen sind, taugen nicht zum Gedenken an die Millionen von Toten des Nazi-Terrors.”

Die nationalistische Euphorie, die auf die so genannte „Wiedervereinigung“ folgte, entlud sich ungehemmt in den rassistischen Pogromen 1991 in Hoyerswerda, 1992 in Rostock-Lichtenhagen und durch Brandanschläge auf MigrantInnen in Mölln 1992 und Solingen 1993. Es folgten die Wahlerfolge neofaschistischer Parteien wie der NPD, rassistische Sondergesetze, die faktische Abschaffung des Asylrechts 1993 und die Debatten um die immer wieder verschleppte Entschädigung ehemaliger NS-ZwangsarbeiterInnen. Dies gibt der Erinnerung an die Pogromnacht 1938 immer wieder erschreckende Aktualität und Notwendigkeit.
Der 9. November ist kein Tag, um Deutschland zu feiern, sondern der Tag, an dem die Deutschen 1938 ihre Bereitschaft zum Holocaust erklärten. Dem Gedenken an die deutschen Verbrechen im Nationalsozialismus auch weiterhin Gehör zu verschaffen bleibt unsere wichtigste Aufgabe.
Der Schwur der Überlebenden von Buchenwald war und ist für uns immer Verpflichtung zum Handeln und muss es auch in Zukunft bleiben, denn ihr Traum von einer “neuen Welt des Friedens und der Freiheit” ist noch lange nicht erfüllt. Der ehemalige Vize-Präsident des Internationalen Buchenwald-Komitees, Emil Carlebach, brachte es anlässlich der Feierlichkeiten zum 50.Jahrestag der Befreiung auf den Punkt: “Zu Frieden und Freiheit aber gehört auch die Tradition des Kampfes gegen den Faschismus, gegen Antisemitismus und Herrenmenschentum. In diesem Kampfe waren wir  vereint, in diesem Kampfe bleiben wir vereint.“

In diesem Sinne hoffen wir, möglichst viele von Euch am 9.November auf der Gedenkdemonstration in Moabit zu sehen. Sie folgt dem Weg den die Jüdinnen und Juden vom Sammelager in der Synagoge in der Levetzowstraße  zum Deportationsbahnhof an der Putlitzbrücke am helllichten Tag und unter aller Augen gehen mussten und hält an Orten von Verfolgung und Widerstand in Moabit.

Antifaschistische Initiative Moabit, 2009

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *