“Ein Antisemit blamiert die Antiantisemiten”

von Karl Pfeifer

Die Wiener Neue Kronenzeitung (NKZ) ist die österreichische Tageszeitung mit der höchsten Auflage, deren Blattlinie den Meinungen ihres reaktionären Mitbesitzers Hans Dichand entspricht. Vor einigen Jahrzehnten meinte ein deutscher Journalist, BILD sei im Vergleich zur NKZ „ein Bistumsblatt“.

Hans Dichand war es, der den früher linksschreibenden Gedichteschmied Wolf Martin zur NKZ holte. Nachdem der Münchener Piper-Verlag Norman Finkelsteins Buch über die “Holocaust Industrie” herausgab, löste dies Begeisterung bei Wolf Martin aus. Er schrieb am 1o.2.2001:

In den Wind gereimt
Was unsereinem nie fiel ein,
tat jetzt der Jude Finkelstein.
Er legt in einem Buche dar,
was Deutschen nie gestattet war
zu schreiben – nicht einmal zu denken.
Wir wollen ihm Beachtung schenken,
mit Skepsis, wie es uns geziemt.
Nicht sei’s getadelt, nicht gerühmt.

Als Norman Finkelsteins Vortrag in Wien im Mai 2009 von der Universität in ein Hotel verlegt werden musste, hob das Jammern um mangelnde Meinungsfreiheit an. Doch die Intervention des Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden, der “Vereinigung AkademikerInnen für Frieden im Nahen Osten” (SPME Austria) und der “Aktion gegen Antisemitismus in Österreich” war richtig und angemessen.

In Österreich sahen die protestierenden Organisationen einen “fruchtbaren Boden” für die Behauptungen Finkelsteins. Sie äußerten die Befürchtung, dass die Aussagen des umstrittenen Autors jene fast 50 Prozent der ÖsterreicherInnen bestätigen würden, die meinen, “dass die Juden den Holocaust für ihre Zwecke ausnutzen”. Es wurde auch auf das große Wohlwollen, das Finkelstein in der rechtsextremen Szene genießt, hingewiesen.

Diesen Sachverhalt haben bereits 2001 Martin Dietzsch und Alfred Schobert dokumentiert. [1] Den Begriff “jüdischer David Irving” prägte Ingrid Rimland, die Frau des Holocaustleugners Ernst Zündel. Auf ihrer Mailingliste ZGRAM feierte sie Finkelstein in höchsten Tönen. Und zitierte Zündel: ”Dieser Finkelstein ist wie eine von Rommels Panzers-Einheiten, die durch die feindlichen Linien gebrochen ist und nun Verwüstung schafft, indem sie die Unterstützer-Truppen der Holocaust-Industrie abknallt und die Munitionslager des jüdischen Hollywood-Ramschs in die Luft sprengt und Chaos, Angst und Hoffnungslosigkeit verbreitet, wo immer er auch auftaucht. Finkelstein ist wie ein jüdischer David Irving […]. Er sagt alles – AUSGENOMMEN, dass die Gaskammer-Geschichte erfunden wurde.”

Die linksliberale Wiener Wochenzeitung Falter publizierte im Mai 2009 einen Kommentar, in dem die Haltung der Wiener Universität kritisiert und behauptet wurde, dass nicht die politische Sensibilität und das demokratische Bewusstsein an den verantwortlichen Stellen, sondern die “politischen Positionen jüdischer Funktionäre Maßstab für die Redefreiheit an heimischen Universitäten” seien. Diese Sicht der “jüdischen Lobby” teilte der Redakteur mit Finkelstein, den er eine Ausgabe später dann auch noch interviewte. [2]

Unter dem Titel “Ein Antisemit blamiert die Antiantisemiten” nahm die Wiener Aktion gegen Antisemitismus dazu Stellung und schrieb u.a.: << Dafür gebührt dem Falter jedoch Dank: Niemand, der sich links oder liberal und auf jeden Fall antiantisemitisch wähnt, kann sich nach diesem Interview noch zustimmend auf Finkelstein beziehen. Behauptet dieser doch, dass Israel den “Holocaust für seine mörderische Politik” ausnutzt, gemeinsam mit “jüdischen Organisationen” die armen Deutschen, Schweizer und Österreicher erpresst, die deutsche Bundeskanzlerin Merkel “wahnsinnig” sei, jeder, der über den Holocaust redet, ein “finanzielles oder politisches Interesse” habe, die Überlebenden endlich Ruhe geben sollen, Simon Wiesenthal ein “Gauner” sei, der “aus der Nazi-Jagd eine große Industrie für sich selbst gemacht” habe, Israel in Gaza, das ein “großes Konzentrationslager” sei, eine “Kristallnacht” veranstaltet habe. Derartig offener Antisemitismus ist schon lange nicht mehr außerhalb des organisierten Rechtsextremismus zu vernehmen gewesen. Aber wenigstens blamiert Finkelstein mit seiner Offenheit all diejenigen, die meinen, ihm müssten universitäre Räume zur Verfügung gestellt werden. >>[2]

In der Regel kommen viele positive Initiativen aus Deutschland zu uns, in diesem Fall war es umgekehrt. Eine evangelische Kirchengemeinde, die Heinrich Böll Stiftung und die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin sowie das Amerika-Haus in München folgten der Wiener Universität und luden Finkelstein aus. Dazu meldete sich Dr. Rolf Verleger, Vorsitzender einer Vereinigung, die „Juden gegen Israel“ genannt werden sollte, als Kronzeuge für Norman Finkelstein zu Wort. Rechtsextremisten, wie zum Beispiel der zum schiitischen Islam konvertierte Wiener Faschist Robert Schwarzbauer sowie auch einige „antiimperialistische“ und/oder nationalbolschewistische Medien veröffentlichen eine Erklärung von Verleger, in der er u.a. klagt: „Dr. Norman Finkelstein hat seinen Flug nach Deutschland storniert.

Er wollte vom 24.2. bis 26.2. in München, Milbertshofen und Berlin sprechen.[…] Der auf seine elterlich-jüdische Tradition stolze Finkelstein wurde als ‘Antisemit’ und ‘Geschichtsrevisionist’ diffamiert, mithin in die Nazi-Ecke gestellt. Die Jüdische Gemeinde Berlin, jüdelnde Gruppen in der Linken (Arbeitskreise namens “Shalom”) und ein jüdischer Arbeitskreis in der SPD riefen zur Demonstration gegen Finkelstein auf…“

Ich gehe davon aus, dass Dr. Verleger die Bedeutung des Wortes „jüdeln“ kennt. Laut Duden bedeutet es mit jiddischem Einschlag sprechen. Es könnte also sein, dass Dr. Verleger unterstellen will, dass die „jüdelnde Gruppen in der Linken“ aus Juden bestehten, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind.  Wenn er dies ausdrücken wollte – was natürlich vollkommen unsinnig wäre – ist das diskriminierend. Wenn er aber ausdrücken wollte, dass es sich um nichtjüdische Deutsche handelt, die versuchen aus Osteuropa stammende Juden nachzuäffen, würde er diesen Gruppen Judenfeindlichkeit unterstellen, was genauso daneben wäre.

„Jüdeln“ bezieht sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts nicht nur auf einen ‚typisch jüdischen’ Tonfall, sonder auf die Handlungsweise von Juden. „Jüdeln“ war, wie Sander Gilman in seiner Schrift „Jüdischer Selbsthaß“ hervorhebt, das Symbol für das verlogene, betrügerische und materialistische Handeln von Juden. Die Entrüstung von Dr. Verleger über deutsche Nichtjuden, die sich gegen Antisemitismus und Delegitimierung Israels stellen, löst bei ihm Hilflosigkeit aus und macht verständlich, weshalb er sich in seinem Zorn der antisemitischen Diktion bedient.

1) Martin Dietzsch und Alfred Schober (HG) Ein “jüdischer David Irving”? Norman Finkelstein im Diskurs der Rechten – Erinnerungsabwehr und Antizionismus DISS Duisburg 2001, ISBN 3-927388-76-9

2) http://www.gegendenantisemitismus.at/19062009.php
3) http://www.hagalil.com/archiv/2009/07/05/stille-post/
http://www.juedische.at/TCgi/_v2/TCgi.cgi?target=home&Param_Kat=3&Param_RB=24&Param_Red=11793

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