Politpredigt á la US&A

via

Leute flippen ausZwei Stunden anstehen in der vormittäglichen Miami-Hitze haben sich gelohnt! Ich hab ihn gesehen: den zukünftigen, dritten, trotz wirklich guter Aussichten gescheiterten Präsidentschaftskandidaten der Demokratischen Partei in Folge. Nachdem man sich am Dienstag für Tickets registrieren konnte, die bereits nach 3 Stunden vergriffen waren, versammelten sich diesen Freitag 8000 Menschen im lokalen Basketballstadion um Barack Obamas Vision eines “Change we can believe in” zu lauschen.

Während bei heimischen Wahlkampfveranstaltungen sich oft nur ein paar hundert Menschen auf einen Marktplatz einfinden um dort eher müde zu klatschen, wenn ihnen Politprominenz Programmpunkte erklärt, die sie eh schon kennen, dann muss man dieses Bild für den US-Wahlkampf wohl eher komplett umdrehen. Tausende Leute, ausgelassene Stimmung, Menschen tanzen und singen. In der Regel die bekannten Slogans “Yes we can” oder eine rhythmische Interpretation des Namens ihres Helden. Inhalte sind dagenen erstens weniger bekannt (wohl auch weniger wichtig) und werden auch während der Rede nicht allzu tief beleuchtet.

Lieber spricht Senator Obama über das schwere Schicksal einer Frau, die um ihre Tochter zu ernähren 3 Jobs hat und im Schnitt nur 3 Stunden pro Tag schläft. Dafür wird während der Rede um so mehr Beifall geklatscht, gejohlt, gepfiffen. Die Leute flippen aus wie bei einem Football-Match oder einem Rockkonzert. Oder eben eine dieser seltsamen Massenpredigten, die es hier gibt. Aber weil mir der Prediger nichts von Gott und Sünde und Heil erzählt, sondern von seiner Präsidentschaft, ungerechten “payment gaps between men and women” und Maßnahmen zu mehr “gender equality” fühle ich mich doch ein wenig mitgerissen.

Moms, Women, Nurses for Obama“Women issues” waren das große Thema dieser Veranstaltung. Damit verknüpfen sich recht schnell große Teile des Obama-Plan, der Pay Equity, Steuervergünstigungen für Familien unterer Einkommen, Anhebung des Mindeslohns, Unterstützung für alleinstehende Mütter, Ausweitung von Kinderbetreung, opt-out Betriebsrenten und Maßnahmen zur Bekämpfung von Altersarmut vorsieht. Ich bin wirklich überrascht von diesem eher straff linkssozialdemokratischen Programm was auch genau so offensiv in Obamas Rede vertreten wird. Das ist also das “Wechselgeld an das wir glauben können”.

Ein krudes Highlight der Veranstaltung war eine Störaktion von Obama-Gegnern. Die LeipzigerInnen kennen vielleicht den Film “Sikumoya. Der schwarze Nazi“. Es begann tatsächlich eine Gruppe von 15 Schwarzen jungen Männern während der Rede kollektiv Anti-Obama-Slogans zu brüllen und dabei Schilder hochzuhalten, mit der Aufschrift “Blacks against Obama” und der Behauptung Obama sei ein Kandidat des KKK. Ihre Hauptkritik war wohl, dass Obama “gay marriages” unterstütze. Blöd nur, dass sie ihre Schilder so beschriftet hatten, dass alle Leute in der Halle dachten, die Jungs selbst wären vom KKK. Seltsam, aber witzig.

In den Medien wird die Wahlkampfschlacht inhaltlich auch nicht sonderlich tief geführt. Statt wirklicher Auseinandersetzung über politische Programmatik dominieren Symbolik und Bullshit die Berichterstattung. Wenigstens das Negative Campaigning hat seinen Reiz.

Aktuelles Thema: Die US-Finanzkrise (Sozialismus durch die Hintertür) und der Umgang damit. Beide Kandidaten erkennen die aktuelle Entwicklung als Krise und bezeichnen sie so. Gegenmaßnahmen: McCains Vorschlag ist die Bildung einer Kommission, die untersucht “Woran hat’s gelegen und Wie können wirs wieder gerade biegen?”. Obama möchte eine “stärkere Kontrolle der Finanzsysteme”. Das ist inhaltlich ein Großteil, was ich aus einer Woche Zeitung lesen und der heutigen Obama-Live-Veranstaltung mitgenommen dazu gelernt habe.

Okay, ich sollte vielleicht nicht mehr USA Today lesen.

Ursachenanalyse gibts auch: McCain wurde am Donnerstag mit folgenden Worten zitiert: “The foundation of our economy, the American worker, is strong, but it has been put at risk by the greed and mismanagement of Wall Street and Washington”. Die Kapitalisten sind Schuld am Untergang des Kapitalismus, ihr ständiges Bestreben mehr Geld zu verdienen ist eine unterschätzte Gefahr. By the way, darf man amerikanische Präsidentschaftskandidaten des strukturellen Antisemitismus bezichtigen? Schwierige Frage im Rahmen eines in Leipzig geprägten Weltbildes, wo doch McCain so sehr auf der richtigen Seite steht (auch das hier).

1 Reply to “Politpredigt á la US&A”

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *